Mittwoch, 7. August 2013

1. Kokermühle - Wipmolen

Unsere Reise auf der "Kleinbahn hinterm Deich" startet in Klockenstedt, wo der Anschluss an die große weite Welt besteht - zu unserem Stück Nordsee führt die Bahn über Bürenwerder nach Klingsiel. Dabei führt uns die Bahn  an unserem erstem sehenswerten Stück vorbei, der Kokermühle. Diese Mühlenbauart kam aus den Niederlanden (dort: Wipmolen, ob ihres "schwankenden" Mühlenaufsatzes) und ist seit dem 16. Jahrhundert auch in Norddeutschland bekannt und wurde vor allem zur Entwässerung von Marsch und Moor eingesetzt. Wasserschöpfmühlen zur Trockenlegung von Mooren und dem Meer und Flussmündungen abgerungenen Marschgebieten gab es einst tausende im Norden Deutschlands, darunter neben den Kokermühlen auch Erdholländer und Flutter. Die hier im Modell nachgebildete Kokermühle mit archimedischer Schraube gab es einst von Holland über Ostfriesland bis nach Dithmarschen in verschiedenen Ausführungen. Allen gemein war der namensgebene Köcher, in dem die Welle lief, die die Kraft des Windrades über eine im Köcher gelagerte Welle auf ein Wasserschöpfwerk übertrug. Das konnten archimedische Schrauben oder aber auch Wassermühlräder sein, wenn das Wasser nur in eine Richtungsbewegung, aber nicht über eine Barriere zu fördern war, letzteres vor allem bei der niederländischen Poldergewinnung (dort noch heute oft zu sehen).
Kokermühlen mit archimedischer Schraube gibt es heute nur noch wenige, auch wenn sie in früheren Zeiten zahlreich waren.


Quelle: http://bergedorf-chronik.de/1600.html
Im Bild oben gleich fünf Kokermühlen in den hamburgischen Vierlanden. So sah es noch vor hundert Jahren an vielen Orten Norddeutschlands aus.

Weitere beeindruckende Fotos, wie es damals auch an vielen anderen Stellen an der Nordseeküste in Marsch und Moor aussah, sind auf den Seiten von Peter von Holdt, mein-wilster.de zu sehen. Dort gibt es neben der im folgenden gezeigten Auswahl an Fotos und Ansichtskarten von Kokermühlen eine unglaublich vielfältige Sammlung an historischen Fotos, Postkarten und Dokumenten zur Wilstermarsch, einer 'typischen' norddeutschen Landschaft 'unter normal Null' mit Entwässerungsgräben, Schöpfmühlen und bäuerlicher Landwirtschaft. Wer heutzutage angesichts der Windräder über die Verspargelung der Landschaft spricht, schaue sich die Gegend vor hundert Jahren an:


Drei Kokermühlen unmittelbar am Bahnhof St. Margarethen um 1904, Bild: Bahnhofswirtschaft C.G.Petersen, Landscheide.

Kokermühlen und Erdholländer um 1909 in langer Reihe als Schöpfmühlen an einer "Wetter", der ortstypischen Bezeichnung für Wasser abtransportierende Fleete, Bild: Carl Kuskop, Wilster.

Stimmungsvoll kolorierte Postkarte, um 1925, aus der Sammlung Udo Urban, Wilster, Bild: Carl Kuskop, Wilster.

In der Zwischenkriegszeit und nach dem Krieg wurden die letzten Kokermühlen dann nach und nach geschliffen und durch zeitgenössische Windräder ersetzt, wo nicht ohnehin motorische oder dampfbetriebene Schöpfwerke bereits die Arbeit übernommen hatten:


Windräder um 1930 neben einer Kokermühle. Während eine Kokermühle in der Wilstermarsch überlebte (s.u.), hat keines der Windräder bis heute überlebt. Bild: Carl Kuskop, Wilster.

Heute sind noch drei Mühlen dieses Typs in Norddeutschland erhalten (sehr viele mehr in den Niederlanden):



1. Die Wasserschöpfmühle in Ihlow-Riepe: Kokermühle Riepe-Leegmoor
2. Die Wasserschöpfmühle im hamburgischen Museum Riek Haus in Bergedorf: Museum Riek Haus
3. Und schließlich die Wasserschöpfmühle in der Wilstermarsch: Schöpfmühle Honigfleth

Ein ungewöhnlicher "nackter" Typ Kokermühle stand einst in vielen Exemplaren in und rund ums Teufelsmoor, mit großer Windfahne, die den Mühlenaufsatz im Wind halten sollten:



Quelle: Bottrop.de, Josef Albers

Auch Heinrich Vogeler malte diesen Typ: "Mühle im Teufelsmoor":



Zur Entwässerung dienten Gräben und Kanäle in allen denkbaren Größenordnungen. Gerade in Moorgebieten wurden diese auch bald als einzig mögliche Transportwege für kleine Kähne genutzt, mit denen der Torf ab- und Dinge des täglichen Bedarfs heran transportiert wurden. Um das Wasser der oftmals unter Normalnull gelegen Gebiete zu den Sieldurchlässen an der Nordsee zu transportieren, musste es hochgeschöpft werden - dazu dienten einst die Wasserschöpfmühlen wie die Kokermühlen. Aus tiefer gelegenen Kanälen wurde das Wasser in höher gelegene gefördert, bis es schließlich bei Ebbe an einem Sieldurchlass in die Nordsee oder in einen ihrer großen Zuflüsse abfloss (und mittels motorischer Pumpen bis heute abfließt).

Doch jetzt zu meinem Modell auf dem ersten Segment meiner Kleinbahn zur Nordsee um das Jahr 1910, zuerst einmal rund um die Kokermühle:


Gesamtansicht der Mühle. Als Basis diente das Fallermodell der niederländischen Kokermühle "de Blokker" aus Zuid-Holland, die dort zur Poldergewinnung ein Wassermühlrad antrieb. Bei mir erhielt sie eine archimedische Schraube und ein paar weitere Änderungen:


Aus dem tiefergelegenen Kanal schöpft diese Wasser und fördert es in einen höher gelegene Abfluss ins Kanalsystem:


Die Mühle mit Steert muss, damit sie sich im Betrieb nicht aus dem Wind dreht, fixiert werden: Überwurfring mit Kette am Steert sichern diese, dafür stehen die Pfosten im Kreis um die Mühle:


 

Die Mühle ist unbewohnt und wird nur zu Betrieb und Wartung aufgesucht. Diese Entwässerungsmühlen gehörten in der Regel zu den landwirtschaftlichen Betrieben, deren Land sie entwässerten. Gelegentlich trieben sie noch zusätzlich ein Sägegatter oder einen Mahlstein an, jedoch war dies eher die Ausnahme.


Hier führt ein Ziegelweg aus Miniaturechtziegeln von KoTol zur Mühle. Die Abdeckung der archimedischen Schraube steht offen, der Knecht des Hofes schaut nach ihr, während eine Magd Verpflegung bringt:


Am Anleger des Kanals ist ein Halbhuntkahn zu erkennen, ein typisches Beförderungsmittel aus den Kanälen unter anderem des Teufelsmoores nahe Bremen (aber auch dem Rest des "nassen Dreiecks" zwischen Weser und Elbe), die es als Viertel-, Halb- oder Einhuntkähne gab. Dabei entsprach ein Hunt grob 12 Raummetern, es war das bremische Torfmaß für 100 Körbe. Nach Bremen ging ein Großteil des Torfes aus dem Teufelsmoor, aber auch nach Stade oder ins Land Wursten (heute Lkr. Cuxhaven).



Der Schiffer sichert noch seinen Kahn, offensichtlich etwas dauerhafter, denn das typische braune Segel ist nicht angeschlagen.

Gerade passiert ein zweiter Kahn die Szene, der Torfschiffer hat nach der Bahnunterführung seinen Mast aufgerichtet und das Gaffelsegel gesetzt. Er grüßt die Kollegen an der Mühle:


 
Quelle: Dokumentarfilm "So weit, so groß. Die Natur des Otto Modersohn".


Die Bahn führt hinter der Mühle vorbei und schwenkt dann in den Vordergrund, um in Kürze den Ort Bürenwerder zu erreichen.


Sie kreuzt zuvor aber noch sumpfiges Land mit reicher Flora und Fauna und auf einer Warft im nächsten Blogbeitrag die Kate.